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Home // Wissenschaftliche Sammlungen // Fundstücke aus dem Archiv // 20 - Binnenmigration in der DDR. Ein Kartogramm von 1987

Fundstücke aus dem Archiv (Nr. 20 vom Januar/Februar 2022)

Binnenmigration in der DDR. Ein Kartogramm von 1987 (von Kai Drewes)

Zu den sehr unterschiedlichen Materialarten in unseren Sammlungsbeständen gehören auch diverse Kartenwerke – die als Quellengattung weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen als anderes. Das Kartogramm, das hier kurz vorgestellt wird, ist Teil einer dicken Mappe vornehmlich mit „Kartogramme[n] in Auswertung der Volks-, Berufs-, Wohnraum- und Gebäudezählung 1981 und von Ergebnissen der Arbeit mit dem Zentralspeicher Städtebau“, die wohl aus der Forschungsleitstelle für Territorialplanung der Staatlichen Plankommission der DDR stammt und nach deren Abwicklung von deren Mitarbeiterin Gisela Lindenau (1935–1998) mitgenommen worden sein dürfte, die ab 1992 einige Jahre lang am IRS tätig war. Die Mappe und einige weitere Karten wurden vor Kurzem als früherer Fundus einer IRS-Forschungsabteilung in die Wissenschaftlichen Sammlungen übernommen.

Das seinerzeit wohl unveröffentlichte, nur für den Dienstgebrauch bestimmte Kartogramm „Migration der Bevölkerung über die Kreisgrenzen im Zeitraum 1981–1985“ wurde 1987 vom Institut für Geographie und Geoökologie der Akademie der Wissenschaften der DDR in Zusammenarbeit mit der Forschungsleitstelle angefertigt. Als Bearbeiter seitens des Akademieinstituts wird Dr. Hans Neumann („H. Neumann“) genannt, der zur Binnenmigration forschte. Die Karte veranschaulicht die Wanderungsbewegungen innerhalb der DDR in der ersten Hälfte der 1980er Jahre hinsichtlich ihrer Größenordnungen und wesentlichen Richtungen, indem für die Ebene der Landkreise durch verschiedene Einfärbungen kenntlich gemacht wird, wie stark ungefähr die Bevölkerung jeweils wuchs oder abnahm. Ergänzt wird die Darstellung durch Pfeile, mit denen die Hauptrichtungen der wichtigsten Wanderungsbewegungen veranschaulicht werden.

Eine Einordnung und Kritik von Kartendarstellungen als Quellengattung im Allgemeinen und Besonderen kann an dieser Stelle nicht geleistet werden, auch kein Abriss sämtlicher Wanderungsbewegungen im Hinblick auf die DDR, insbesondere die Abwanderung nach Westdeutschland bis zum Mauerbau 1961 und danach. Hier soll es nur um die bemerkenswerten Befunde gehen, die auf der ausgewählten Karte dargestellt wurden. Denn das Kartogramm zeigt deutlich, dass es in Ostdeutschland schon in der späten DDR-Zeit eine nicht unerhebliche Binnenmigration gab, indem die Bevölkerung in einigen Regionen (besonders stark in den Nordbezirken, also dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern, und im östlichen Sachsen) schrumpfte, während die wichtigsten Großstädte, die im Wesentlichen den Bezirkshauptstädten entsprachen, einen Bevölkerungszuwachs verzeichneten, wobei (Ost-)Berlin, wie hier vor allem auch die vielen Pfeile verdeutlichen, offensichtlich noch einmal herausragte. Die Schwankungsbreite reichte laut der Legende je nach Landkreis von über 8 Promille jährlicher Ab- bis zu über 8 Promille Zunahme der Bevölkerung.

Karte zur MIgration über die Kreisgrenzen hinweg, 1981-1985 (Wissenschaftliche Sammlungen, IRS)

Cover des Buches "Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland" von Siegfried Grundmann (Wissenschaftliche Sammlungen, IRS)

Dass es innerhalb eines Staatsgebiets regionale Gefälle und Wanderungsbewegungen gibt und Menschen aus ländlichen Gegenden in Städte zieht, verwundert zunächst einmal nicht, und die reinen Zahlen klingen vielleicht auf den ersten Blick nicht allzu dramatisch. Tatsächlich ist es aber durchaus erheblich, wenn etwa Berlin als DDR-Hauptstadt in den 1980er Jahren fast 1 Prozent Bevölkerung pro Jahr hinzugewann. Wie die Demographin Juliane Roloff 1986 auf einer Tagung ausführte, hatte (Ost-)Berlin damals etwas über 1,2 Millionen Einwohner – bei einem „Wanderungsgewinn“ von jährlich über 10.000 Menschen. Laut ihrer seinerzeitigen Prognose würde noch 25 Jahre später, also 2011, mit einem Zuwachs von ca. 9.000 Menschen pro Jahr zu rechnen sein. Was einer Bevölkerungszunahme von bis dahin mindestens 225.000 Personen entsprochen hätte. Bekanntermaßen hatte der nicht vorauszuahnende Umbruch ab 1989/90 eine andere Dynamik zur Folge, wobei auch Berlin zunächst Einwohnerinnen und Einwohner in größerer Zahl verlor, ehe seit einigen Jahren das Wachstum in der Stadt und ihrer Umgebung wieder stark nach oben weist und entsprechende Herausforderungen mit sich bringt. Bemerkenswert ist aber auch, dass die heute vielfach als Problem wahrgenommene Ausdünnung ganzer Landstriche in Ostdeutschland bereits (spätestens) in den 1980er Jahren in einem nennenswerten Umfang einsetzte.

Wer sich im Hinblick auf die DDR-Geschichte eingehender für raumsoziologische und -planerische, demographische und verwandte statistische Fragen und Erkenntnisse interessiert, findet in den Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS an verschiedenen Stellen reichlich Material. Hierzu gehören an umfangreichen Beständen der Nachlass des Stadt- und Regionalsoziologen Siegfried Grundmann (Bestand C 85) und die Vor- bzw. Nachlässe mehrerer Territorialplanerinnen und -planer (wie sie in der DDR genannt wurden), darunter die schon erwähnte Gisela Lindenau (C 32), Olaf Gloger (C 36) und Konrad Scherf (C 37). Hinzukommen die leitfadengestützten Interviews, die Ingrid Apolinarski und Edith Lotzmann 2003/04 mit 40 Akteuren der DDR-Territorialplanung geführt haben (E 3.1). Zur Frage der DDR-Binnenmigration gibt es in Grundmanns Nachlass ergiebige Unterlagen aus den 1980er und 1990er Jahren. Er hat die hier vorgestellte Karte auch in seinem 1998 erschienenen Buch über die Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland fast unverändert abgedruckt (auf Seite 106). Als wesentlichen Grund für die zunehmende Konzentration der Bevölkerung in den Großstädten und zumal in Berlin nennt Grundmann, kurz gesagt, das ehrgeizige Wohnungsbauprogramm der DDR, das in deren Spätzeit noch einmal stärker auf Berlin fokussiert war. Viele Menschen entschieden sich schlicht für einen Umzug, teils auch über größere Distanzen, weil sie eine moderne Wohnung wünschten. Eine Frage, die noch einmal vertieft werden könnte, ist, wie offen die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Binnenmigration, ihren Ursachen und Folgen noch in der DDR-Zeit selbst diskutiert werden konnten.

Literatur

Grundmann, Siegfried: Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland. Demographische Strukturen und räumliche Wandlungsprozesse auf dem Gebiet der neuen Bundesländer (1945 bis zur Gegenwart), Wiesbaden 1998, besonders Kapitel 3.3 („Die räumliche Bevölkerungsbewegung in der DDR: Binnenwanderungen“)
 
Roloff, Juliane: Zur Bevölkerungsentwicklung in Berlin unter Berücksichtigung einiger prognostischer Aspekte, in: Institut für marxistisch-leninistische Soziologie der Humboldt-Universität zu Berlin / Institut für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR, Lebensweise in Berlin, Hauptstadt der DDR. Wissenschaftliche Konferenz am 28. und 29. Mai 1986 in Berlin (= Diskussionsbeiträge zum Arbeitskreis III: Bevölkerungsreproduktion/Familie, Bd. 4), S. 74–76 [im Grundmann-Nachlass vorhanden]