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Home // Wissenschaftliche Sammlungen // Fundstücke aus dem Archiv // 08 - Gaswerk-Fotos
Fundstücke aus dem Archiv (Nr. 8 vom Dezember 2020)

Gaswerk-Fotos aus dem Bestand Manfred Prasser (von Paul Perschke)

Die Hauptzufahrt zum Werksgelände an der Danziger Straße. Die Gebäude im Vordergrund sind die einzig erhaltenen. Sie werden seit 1986 und bis heute als kulturelle Einrichtungen genutzt. Links im Hintergrund eines der drei Gasometer.

Prestigeobjekt, Mustersiedlung, Leistungsschau, Nationaldenkmal: Die Siedlung Ernst-Thälmann-Park, eingeweiht im Jahr 1986 und 2014 als Denkmalbereich unter Schutz gestellt, galt damals und gilt heute wieder als gestalterischer und funktionaler Höhepunkt des Ostberliner Wohnungs- und Städtebaus der späten DDR. Die Entscheidung, das Gelände eines stillgelegten Gaswerkes im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg städtebaulich neu zu ordnen, ging damals einher mit der Formulierung hoher politisch-ideologischer, soziokultureller und stadtgestalterischer Zielstellungen für dieses Areal. Mit der Anlage eines großzügigen Freizeit- und Erholungsparks sowie moderner Wohnungen für über 4000 Bewohner*innen sollten die Wohn- und Lebensbedingungen im dicht besiedelten Arbeiterbezirk spürbar verbessert werden. Die Errichtung einer raumgreifenden Denkmalanlage zu Ehren Ernst-Thälmanns und der Bau des modernen Zeiss-Großplanetariums in einem zweiten Bauabschnitt sollte zudem den DDR-Sozialismus festigen und dessen (technologische) Leistungsfähigkeit nach innen und außen bekräftigen.

In den Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS finden sich zahlreiche und äußerst vielfältige Materialien, welche die Planungs- und Entstehungsgeschichte des Thälmann-Parks nachzeichnen. Großformatige Zeichnungen als Teil eines Wettbewerbsbeitrages über die Gestaltung des Wohnungsbaus aus dem Bestand Wilfried Stallknecht (Bestand C_22) oder Entwürfe zur Grün- und Freiraumgestaltung in Form von farbigen Plänen und Zeichnungen des Garten- und Landschaftsarchitekts Erhard Stefke (C_23) sind nur zwei prominente Beispiele. Die bauliche Entwicklung der Siedlung und deren Aneignung ist zudem umfangreich fotografisch festgehalten. Im Bestand Helmut Stingl (C_24) findet sich beispielsweise ein Konvolut von knapp 200 Farb-Dias, welches die Neugestaltung des Areals zwischen 1982 bis 1986 dokumentiert.

Die drei Gasometer entlang der Ringbahntrasse nahe der Prenzlauer Allee wurden entgegen großer Proteste der Bevölkerung am 28. Juli 1984 gesprengt.

Der Blick über die Greifswalder Straße auf das Werksgelände. Das langgezogene Gebäude im Vordergrund bildet ungefähr den Standort der Denkmalanlage des Ernst-Thälmann-Denkmals.

Der Fund des Monats Dezember 2020, ein Konvolut von 65 Schwarz-weiß-Fotoabzügen, stammt aus dem Nachlass des Architekten Manfred Prasser (1932–2018), der zur Zeit noch erschlossen wird (Signatur: C_89_F_21). Der Fund überrascht, denn Prasser war an der Neugestaltung des Thälmann-Park-Areals nicht beteiligt, sondern machte sich vielmehr einen Namen mit anderen DDR-Prestigeprojekten wie dem Palast der Republik, dem Friedrichstadtpalast oder der Rekonstruktion des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt (1950 bis 1991: Platz der Akademie). Es kann davon ausgegangen werden, dass Manfred Prasser nicht der Urheber, also nicht selbst der Fotograf dieser Aufnahmen ist. Bislang ist noch nicht geklärt, wie das Konvolut seinen Weg in den Nachlass gefunden hat. Das ist allerdings nicht ungewöhnlich für große Nachlässe wie dem von Prasser: Nachlasser*in ist nicht immer auch Urheber*in sämtlicher Materialien.
 

Die Abzüge im A4-Format sind in einem bemerkenswert guten Zustand und von hoher bildgestalterischer/bildkünstlerischer Qualität. Zudem stechen sie aus den anderen Materialien über den Ernst-Thälmann-Park hervor, zeigen sie doch nicht die kreativen und großzügigen Ideen und Entwürfe für die neue, moderne Siedlung, sondern die baulichen und stark in die Jahre gekommenen Überbleibsel der über 100-jährigen Geschichte der einstigen Gasproduktion an diesem Standort.

Seit 1872 hatte die IV. Städtische Gasanstalt der Produktion von Stadtgas gedient. Mit dem rasanten Stadtwachstum und der Ausbreitung der von Mietskasernen geprägten Wohngebiete Anfang des 20. Jahrhunderts lag das Gaswerk bald inmitten des überwiegend von Arbeiter*innen bewohnten Prenzlauer Bergs. Das Werk prägte über Jahrzehnte entscheidend das Stadtbild dieses Bezirks. Insbesondere die drei gelb verklinkerten Gasspeicher entlang der Ringbahntrasse galten als eines seiner Wahrzeichen und wurden noch zu DDR-Zeiten als herausragende Zeugnisse der Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts gepriesen. Bis zuletzt stellte das Gaswerk durch Schmutz, Lärm und Gestank eine enorme Belastung für Anwohner*innen und Umwelt dar. Die Einstellung der Gasproduktion durch Kokerei, welche durch Erdgaslieferungen aus der Sowjetunion seit 1979 obsolet wurde, bedeutete bereits eine grundlegende Verbesserung der Lebensbedingungen im Stadtbezirk.
 

Im Mai 1981 wurde das Gaswerk endgültig stillgelegt und im März des Folgejahres begannen die Demontagearbeiten. Aus dieser Zeit der beginnenden Abrissarbeiten stammen die einzigartigen Aufnahmen, von denen an dieser Stelle eine Auswahl von 30 Stück gezeigt wird. Die Bilder des menschenleeren Werksgeländes und der ausgedienten Anlagen, insbesondere der großen Bauwerke wie Gasometer und Schornsteine, vermitteln einen einmaligen Eindruck, wie sehr das das Gaswerk den Stadtbezirk auch architektonisch prägte.

Der Turm ragte gut sichtbar aus dem Werksgelände empor, bevor auch er der neuen Siedlung weichen musste. Im Hintergrund sind die Neubauten des Wohnkomplexes Greifswalder Straße zu sehen, der bereits in den 1970er Jahren nördlich der Ringbahn fertiggestellt wurde.

Rohrleitungen, Behälter und Bodenschichten, die oftmals mit schädlichen Rückständen aus der Gasproduktion belastet waren, mussten aufwändig demontiert und entsorgt werden. Das ganze Gelände war zudem von Bahngleisen und Fundamenten durchzogen, die bis in die Tiefe von vier Metern entfernt werden mussten.

Der verordnete Abriss der drei Gasometer löste dementsprechend großen, ungewöhnlich offenen Widerspruch von Seiten der Bevölkerung aus. Die drei Behälter wurden entgegen aller Proteste am 28. Juli 1984 gesprengt. Vor dem Hintergrund dieses kontroversen Kapitels in der Entstehungsgeschichte des Thälmann-Parks sind die Fotos ein besonderes Zeitdokument, zeigen sie doch die Gasometer und die vier noch heute erhaltenen und umgenutzten Verwaltungsgebäude entlang der Danziger Straße in ihren ursprünglichen städtebaulichen Zusammenhängen.Der Abriss nahezu aller auf den Fotos abgebildeten Anlagen war die Grundlage für die Errichtung der Siedlung Ernst-Thälmann-Park. Mit enormem Aufwand mussten mehrere hunderttausend Kubikmeter Bauwerksschutt und Stahlbeton abgebrochen, in vielen Fällen auch gesprengt und abtransportiert werden. Weil in der knapp 110-jährigen Werksgeschichte unzählige Male an-, aus- und überbaut wurde, galt es nun, ein mit Rohren, Tunneln, Gleisen und Fundamenten durchzogenes Areal bis in eine Tiefe von vier Metern zu enttrümmern. Als besonders problematisch erwies sich die Kontamination sowohl von Bauwerksgestein als auch von Bodenschichten mit rückständigen Schadstoffen aus der Gaskokerei. Der Austausch von verunreinigtem Boden in bis zu sieben Metern Tiefe bedeutete abermals Mehraufwand und –kosten. Mit dem Abschluss der Abriss- und Enttrümmerungsarbeiten im Jahr 1984 waren bereits die ersten Wohnungen der neu errichteten Siedlung bezogen.


Die Stilllegung des Gaswerks, die zunächst geplante Umnutzung der Gasometer und deren späterer Abriss bilden zugleich drei Kapitel der umfangreichen Ausstellung 'Der Ernst-Thälmann-Park – komplexe Planungen für ein Prestigeprojekt', die derzeit im Zeiss-Großplanetarium aufgebaut, coronabedingt bis auf weiteres jedoch nur online unter thaelmann-park.berlin besuchbar ist. Einige der Fotos aus dem Konvolut sind sogleich Teil dieser Ausstellung.

 

Literatur

 

  • Florian Bielefeld, Dirk Moldt u. Petra Schröck, Gasometer sprengt man nicht!, hg. von der Brotfabrik, Berlin 2014 [Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung in der WABE im Juli/August 2014]